Sie sind hier: Startseite » Jazz Club

Archtop Interview mit Lorenzo Petroca

Archtop-Germany - Lorenzo Petrocca

Lorenzo Petrocca, geboren 1964 in Crotone -Süditalien kam 1979 als Fünfzehnjähriger mit seiner Familie als Emigrant nach Deutschland. Er überwand die große Umstellung und den Verlust alles Vertrautem und Bekanntem durch das Boxen, einer Sportart, die er schon in Italien ausgeübt hatte. 1981 wurde er württembergischer Boxmeister. Ab 1982, mit 18 Jahren, zeigte er erste musikalische Interessen. Und so kaufte er sich seine erste elektrische Gitarre. Bald spielte er schon mit italienischen Tanzbands, ab 1986 in Soul- und Funkbands mit amerikanischen Soldaten. Den Jazz entdeckte er erst 1989, im Alter von 25 Jahren. Heute gehört er zu den besten Jazzgitarristen Europas.

Lorenzo. wie bist du überhaupt auf Archtops gekommen?

Als ich merkte, das man nur mit einer "Dicken" den richtigen Jazzsound bekommen kann, kaufte ich mir Eine.

Welchen Stellenwert nehmen Archtops, gemessen an deinem gesamten öffentlichen Gitarrenspiel, ein?

Seit ich Jazz spiele, benutze ich nur noch Archtop-Gitarren, schließlich habe ich ja "nur" einen Sound.

Welche Archtops besitzt du?

Ich habe eine 1996er Gibson “Wes Montgomery” und eine 1995 Gibson ES 165

Welche davon ist/sind dein/e Favorit/en im musikalischen Einsatz und warum?

Ich spiele beide sehr gerne. Die “Wes” wegen ihres warmen, massiven Sounds, die 165 wegen des klaren Sounds und dem angenehm kleineren Korpus!

Welche Saiten spielst du darauf?

Thomastik 013 round wound

Welchen Amp bevorzugst du im Livebetrieb für deinen Archtop-Sound?

Einen Polytone Baby Brute und einen Roland Jazzchorus 77 mit 2x10 Speakern.

Wie nimmst du deine Archtops für Aufnahmen im Studio gerne ab?

Ein mal mit zwei Mikros vor dem Amp und ein Mikro am Hals der Gitarre.

Welches ist die beste Archtop, die du je in der Hand hattest?

Mein Gibson “Johnny Smith” von 1963, die ich gut 10 Jahre lang gespielt habe. Fast alle meine Aufnahmen habe ich mit ihr gemacht. Vor kurzem habe ich sie an einen guten Freund verkauft. :-(

Welche Archtop würdest du gerne einmal spielen?

Ich habe in den letzen 15 Jahren fast alle Arten von Archtops gehabt... ich weiß nicht... bin im Moment glücklich mit dem, was ich habe.

Lorenzo, du giltst als einer der besten Archtop-Spieler in Deutschland. Ich weiß, dass du dafür hart gearbeitet hast. Bist du mit dir zufrieden?

Ich weiß nicht, ob ich zu den Besten gehöre; ich kenne und bewundere viele Kollegen in Deutschland. Ich bin natürlich mit mir nicht zufrieden! Ich muss noch soviel lernen...

Du stammst aus einer sehr musikalischen Familie. Wie viele Musiker gibt es da noch außer dir und was spielen sie?

Es gibt noch meine drei Brüder Franco, er spielt E-Bass und akustische Gitarre; Davide spielt Kontrabass und Antonio Schlagzeug.

Das ist eine richtige Band: Die Petrocca Brothers. Gebt ihr auch heute noch zusammen Konzerte?

Die Petrocca Brothers spielen ein paar mal im Jahr zusammen; öfters nur als Trio mit Gitarre, Bass, und Schlagzeug. Wenn wir aber Zeit zum Proben haben, dann natürlich gerne als Quartett.

Dein Vater ist, soweit ich weiß Bäcker und Konditor. Was sagen deine Eltern zu so viel Musikern in der Familie? Sind deine Eltern auch so musikalisch?

Nein, meine Eltern haben keine Musik gemacht, aber Musik war immer Zuhause; in der Konditorei, oder im Auto. Sehr oft war es italienische Swingmusik. Leider ist mein Vater vor zwei Jahren gestorben.

Mit deiner letzten CD "Ballads" hast du ein wunderschönes Werk voller Geschmack vorgelegt. Es war sicherlich keine leichte Entscheidung für dich, ein solches Konzept mit ausschließlich Balladen durchzustehen? Wie bist du auf die Idee gekommen? Sind Balladen etwas Besonderes für dich?

Balladen sind für mich was sehr besonderes; diese Stimmung entspricht auch meinem Empfinden für Musik. Ich bin Süditaliener und am Meer geboren, dort leben die Leute immer in einer Welt voller Sehnsüchte, Melancholie, Schönheit... Früher habe ich Musik als Spielwiese für Technik empfunden. Heute weiß ich, dass Musik viel mehr ist, als nur schnelles Spiel und bewundere Musiker, die große Ausdrucks kraft haben. Und das erreicht man nur bei Balladen.

Dein Gitarrensound auf "Ballads" ist ebenfalls hervorragend! War das dein übliches Set-up mit den gleichen Saiten? Welche Gitarre was es?

Bei "Ballads" habe ich, wie gesagt, mein übliches Equipment benutzt: Meine “Johnny Smith” mit einem Mikro am Hals, einen Fender “Pro (2 10er) mit zwei Mikros, Thomastik Seiten 013 round wound.. Basta!

Wie sehen deine musikalischen Pläne für die Zukunft aus? Können wir mit neuen CDs rechnen?

Ich muss sagen, auch ich merke, dass die Konzertsituation auf Grund fehlender Gelder schlechter geworden ist. Dennoch bin ich dankbar, dass ich noch immer ausschließlich von "Gigs" leben kann. Ich hoffe also, dass es zumindest so bleibt. Musikalisch gesehen versuche ich mich weiter zu entwickeln, was nicht einfach ist, wenn man nebenbei noch Familie hat, tagelang am Telefon arbeitet, Tourneebetrieb hat und, und... Klar werden neue Cds kommen; hoffe ich! Ich möchte weitere Trio-Cds machen, vielleicht wieder mit Orgel, aber auch solo...mal schauen.

Gibt es irgendwelche "Wunschkandidaten" mit denen du gerne Spielen oder Aufnehmen möchtest?

Natürlich, aber es ist oft nicht realisierbar, zu teuer, zu gut, zu weit. Ich hoffe, dass sich Sachen ergeben mit denen ich glücklich sein kann. Ich nehme gerne auf mit Musikern, die ich gut kenne, mit denen ich regelmäßig arbeite und so... Ich finde, man hört es, ob eine Band eingespielt ist, oder ein paar Supersolisten ihre Arbeit abliefern.

Du sprachst vorhin von deiner Familie. Wie viele Kinder hast du? Spielen sie schon auf deinen Gitarren?

Ich habe zwei Kinder. Luca, 10 Jahre alt, spielt seid zwei Jahren Drums (und das auch noch gut!) und Maurizio, fast 7 Jahre alt, spielt ein bisschen Piano und fängt nächstes Jahr mit Unterricht an.

(21.05.2005)